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8. März: Frauen*kampftag

Tom Berthold  |  Donnerstag, 03. März 2016

DIE LINKE.Ffo Postkarte zum Frauentag 2016

Es ist bereits 115 Jahre her, dass die deutsche Sozialistin Clara Zetkin auf der "Zweiten Internationalen Sozialistischen Frauenkonferenz" am 27.August 1910 in Kopenhagen die Einführung eines internationalen Frauen*tages vorschlug. Der Beschluss lautete: "Im Einvernehmen mit den klassenbewussten politischen und gewerkschaftlichen Organisationen des Proletariats in ihrem Lande veranstalten die sozialistischen Frauen aller Länder jedes Jahr einen Frauentag, der in erster Linie der Agitation für das Frauenwahlrecht dient. […] Der Frauentag muß einen internationalen Charakter tragen und ist sorgfältig vorzubereiten."[1]

 

Jener Tag, welcher der ursprünglich der Einführung eines Frauenwahlrechts dienen sollte, ist nun mehr internationaler Kampftag des Feminismus gegen patriarchalische Strukturen, Sexismus, Gewalt, Verfolgung und Unterdrückung. Die Ziele einer gesellschaftlichen, sozialen und politischen Gleichberechtigung und gleich wohl Emanzipation der Frau* sind seit der Einführung dieses Tages als "Tag der Vereinten Nationen für die Rechte der Frau und den Weltfrieden" leider bis heute nicht akzeptabel realisiert.

Für solch eine These kann man sich die momentane Situation in Deutschland genauer ansehen:
Die von sogenannten Sozialdemo-krat*innen und Konservativen nahezu gleichermaßen beschworene, und am 6. März 2015 durch den Bundestag beschlossene 30%-Frauen*quote für Aufsichtsräte deutscher DAX-Unternehmen ist für die Beseitigung der momentanen Ungerechtigkeit ungeeignet. Ungefähr 500 Posten für Frauen* wurden dadurch geschaffen. Mehr Feminismus ist mit der GroKo wohl nicht zu haben,

Um es mit Claus von Wagner auszudrücken: "Mehr Quote brauchen wir [...] auch nicht, die Frauen* haben sich die Wirtschaft bereits vollkommen selbstständig erobert, ganz ohne gesetzliche Regelungen. Nehmen Sie nur den Niedriglohnsektor, über 70% sind fest in weiblicher Hand, da kann man doch sagen, die Frau* ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen."[2]

Und als ob das noch nicht genug wäre, gibt es immer noch einen geschlechtsspezifischen Lohnunterschied in Deutschland, auch "Gender Pay Gap" genannt. Für die Berechnung desselbigen gibt es unterschiedliche Varianten, mit unterschiedlichen Datensätzen. Selbst optimistische Berechnungen von Wirtschaftsverbänden belegen jedoch, dass der "Gender Pay Gap" noch existent ist. So zeigte sich auch der UN-Ausschuss über wirtschaftliche, soziale und kulturelle Rechte (CESCR) in seinem Abschlussbericht der Genfer Tagung 2011 besorgt über die andauernde Benachteiligung von Frauen* auf dem deutschen Arbeitsmarkt.[3] Grundsätzlich gesehen ist es jedoch egal, wie hoch der Unterschied ist. Wenn ein Unterschied existiert, gibt es Ungerechtigkeit und Ungerechtigkeit bleibt Ungerechtigkeit, egal wie hoch sie ist.

Gesellschaftlich sieht es nicht rosiger aus. Auch im 21. Jahrhundert wird in Teilen der Gesellschaft immer noch in patriarchalischen Rollenbildern und Stereotypen gedacht: Der Mann* hat die berufliche Karriere fest im Blick, während die Frau* kürzertreten muss und sich um die Kinder kümmern sollte, mit der Begründung, es sei doch die eigene freie Entscheidung gewesen, Mutter* zu werden.

Heutzutage werden selbst vom rechten politischen Spektrum, welches leider scheinbar immer mehr Zuspruch in der Gesellschaft findet, solche sexistischen und patriarchalischen Gewalttaten, wie beispielsweise aus der Silvesternacht in Köln, für die eigenen politischen Zwecke instrumentalisiert. Natürlich gerade in Bezug auf Köln in Verbindung mit Rassismus. Paradox ist das schon, weil das gesamte politisch-rechte Spektrum von Natur aus als antifeministisch charakterisierbar ist.

Vielen ist anscheinend auch Sexismus im Alltag nicht bewusst, nur heißt das nicht, dass es den Sexismus im Alltag nicht gibt. Das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Gesundheit hat geschrieben: "Nach der repräsentativen Untersuchung "Lebenssituation, Sicherheit und Gesundheit von Frauen in Deutschland" von 2004 haben insgesamt 58,2 Prozent aller befragten Frauen Situationen sexueller Belästigung erlebt, sei es in der Öffentlichkeit, im Kontext von Arbeit und Ausbildung oder im sozialen Nahraum. Zu einem vergleichbaren Ergebnis für Deutschland kommt auch die im März 2014 veröffentlichte repräsentative Studie der Europäischen Grundrechteagentur zum Ausmaß von Gewalt gegen Frauen in Europa".[4] Dass allgemein im gesellschaftlichen Diskurs Sexismus keine große Rolle zu spielen scheint, wirft kein gutes Bild auf die Gesamtgesellschaft.

Es lässt sich vor allem der Schluss ziehen, dass der Feminismus anscheinend nicht so etabliert ist, als wie er es sein sollte. So schrieb eine 23-jährige Redakteurin der Tageszeitung "Die Welt": "Früher hat sich der Feminismus doch durchgesetzt, weil die Frauen, die mürrisch auf die Straße gingen, selbst betroffen waren. Sie kämpften nicht für eine dritte Instanz, sondern für sich selbst. Mittlerweile ist der Feminismus eine Charityaktion für unterprivilegierte Frauen geworden..."[2] Sie macht sich also über jene Frauen* lustig, die dank der momentanen gesellschaftlichen, sozialen und politischen Lage ihren politischen Protest nicht selber organisieren können. Nur ist dieser Umstand, nicht die Ursache dafür, dass sich der Feminismus nicht durchsetzt, sondern vielmehr Folge einer antifeministischen Situation.

So hält sich auch die Wirkung des 8. Märzes in Grenzen, wobei ich angesichts der momentanen Lage den Begriff "Frauen*kampftag" vorziehe, also ein Tag im Zeichen des Kampfes für mehr Feminismus, für mehr geschlechtliche Gleichberechtigung und gegen patriarchalische Strukturen, gegen sexualisierte Gewalt, Verfolgung, Bedrohung und Ungerechtigkeit.

In diesem Sinne: Nicht (nur) Blumen, sondern Gerechtigkeit!

_____________

[1]: R. Wurms: "Wir wollen Freiheit", Seite 6
[2]: "Die Anstalt" vom 28. April 2015
[3]: http://www.sueddeutsche.de/politik/vereinte-nationen-tief-besorgt-ueber-sozialpolitik-deutschland-tut-zu-wenig-im-kampf-gegen-armut-und-diskriminierung-1.1116726
[4]: http://www.bmfsfj.de/BMFSFJ/gleichstellung,did=73018.html

Kategorien: International | PolitikSchlagworte: 8. März | Frauenkampftag | Frauentag

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