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Versuch einer Annäherung

Christian Gehlsen  |  Donnerstag, 02. Oktober 2014

„Die wir den Boden bereiten wollten für Freundlichkeit, konnten selbst nicht freundlich sein.“

Im Herbst 1989 und in den danach folgenden Monaten begegneten sich immer wieder Menschen - und das im besonderen Maße - , deren Haltung zu den dramatischen politischen Ereignissen nicht konträrer sein konnte. Auch mir sind solche Begegnungen wie eingebrannt im Gedächtnis geblieben. Gezwungenermaßen waren viele unterwegs, um bei der Auflösung des MfS tätig zu werden. Für mich ist das ein Schlüsselerlebnis im Prozess der sogenannten Wende. Ich war voller Zorn über den Machtmissbrauch in der DDR, mein Gegenüber wütend über den Untergang „seiner“ Republik.

 

Ich habe lange über derartige Begegnungen nachgedacht und tue das bis heute. In den Worten von Bert Brecht finde ich mich wieder: „Auch der Hass gegen die Niedrigkeit verzerrt die Züge. Auch der Zorn über das Unrecht macht die Stimme heiser.“*
Da gab es keine Chance, sich dem Gegner verständlich mitzuteilen oder - umgekehrt – ihn annäherungsweise zu verstehen.
Immer wieder erinnerte ich mich bei späteren Begegnungen mit diesen Menschen unserer damaligen feindlichen Konfrontation. Ich nahm auch deren Lesermeinungen in den Medien wahr, fast immer las ich sie mit Unverständnis und Zorn. Trotzdem verwehrte ich niemandem bei Begegnungen den Gruß, doch hatte ich das Gefühl, das Gesicht meines Gegenüber war „zur Faust geballt“ (meines auch?)
Irgendwann gab ich das Grüßen auf; doch dann überwand ich mich, versuchte die Begrüßung mit Handschlag. Wie es aufgenommen wurde? Ich weiß es nicht.
Noch ein anderes Beispiel beschäftigt mich stark. Einer meiner ehemaligen Gegner lag im Sterben. Von ferne nahm ich Anteil an seiner schweren Krankheit. Schließlich versah ich im Hospiz das Amt eines taktvollen und tröstenden Begleiters für Schwersterkrankte, für Sterbende. Doch bei diesem Menschen stand ich nur vor der Tür, mir fehlte der Mut einzutreten. Hätte mein Anblick ihm das Sterben nicht noch schwerer gemacht? Die Frage bewegt mich noch heute und mein mangelnder Mut schmerzt mich.
Wir werden älter, unser Leben ist begrenzt. Ich spreche jetzt von den DDR-geprägten Zeugen der Wende. Ist es sinnvoll unsere Aggressionen mit in unsere letzte Stunde zu nehmen? Welchen Einfluss hat das auf unser Empfinden, auf die Art und Weise unseres Sterbens? Müssten wir, müsste ich nicht lernen, die Abneigung, den Hass zu überwinden? Kann sein, dass ich für sehr linientreue Sozialisten der „Klassenfeind“ war und es immer noch bin. Für überzeugte Sozialisten war und ist der Sozialismus die Hoffnung für die Welt schlechthin. Bei aller Unzulänglichkeit war der Sozialismus in der Sowjetunion, in der DDR wie in den anderen Ländern des sozialistischen Weltsystems für sie die einzige Alternative zur bisherigen Weltgeschichte voller Blut und Tränen. Unübersehbar war die unversöhnliche, erbitterte Konfrontation der beiden Weltsysteme. Für den Gegner gab es nur ein Ziel: die Vernichtung des Sozialismus, und seine Mittel waren ohne jedes Maß. Also musste man sich wehren, es ging um die Zukunft der Menschheit. Müssen nicht auch die Verteidiger des Sozialismus gespürt haben: „Auch der Hass gegen die Niedrigkeit verzerrt die Züge. Auch der Zorn über das Unrecht macht die Stimme heiser“? Doch sie hatten sich den Kampf nicht ausgesucht, er wurde ihnen täglich und gnadenlos aufgezwungen. Da konnte und musste es passieren, dass selbst die eigenen Leute „gnadenlos ihres Frohsinns beraubt wurden“**, ihrer Würde und ihres Lebens.
Die Kirche war ihnen die Institution, die seit 2000 Jahren Menschen verführt, unterdrückt und gemordet hatte. Wie soll in so einer erbitterten Gegnerschaft Verständnis aufkommen?
Wenn ich zurück denke, so meine ich, dass wir das gleiche Ziel hatten: „den Boden bereiten wollten für Freundlichkeit“, d. h. für eine menschenwürdige Welt.
Kann es einen dritten Weg als Alternative zu den bisherigen geben? Wir könnten versuchen, im bisherigen Gegner den Mitmenschen zu sehen, der nach seinem Verständnis und entsprechend seiner Möglichkeiten um das Glück der Gesellschaft und sein eigenes gekämpft hat. Freundlichkeit versuchen, wäre das nicht erstrebenswert? Eine Freundlichkeit von Mensch zu Mensch, wenn schon die Freundlichkeit für alle nicht glücken will.
Ein Anliegen dieses Beitrages ist es, eine Diskussion oder ein Forum mit engagierten Zeitzeugen, deren Erfahrungen mit der und Urteile über die Wende unterschiedlich sind, anzuregen.

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* Bert Brecht: An die Nachgeborenen. 1939
** Thomas Langhoff über seinen Vater Wolfgang, Kommunist, Spanienkämpfer und KZ-Häftling.

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