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Stefan Kunath

Gemeinsam Brücken bauen – Rede zum Neujahrsempfang

Die Rede unseres Kreisvorsitzenden Stefan Kunath auf unserem Neujahrsempfang 2020. Es gilt das gesprochene Wort.

Vor einem Jahr hat unser LINKER-Oberbürgermeister René Wilke die Rückkehrerkampagne Besser-Frankfurt-Oder gestartet. Ein Jahr später steht jetzt hier jemand vor Ihnen, der ein „Opfer“ dieser Rückkehrerkampagne geworden ist.

Das Schöne an unserer Stadt ist, dass hier jeder gefragt ist, dass sich hier jeder beteiligen kann, und dass hier jeder Spuren hinterlassen kann. Man muss sich hier nicht hinten anstellen, auch nicht an Rückkehrer. Deshalb, sehr verehrte Gäste, darf ein Rückkehrer wie ich heute schon einer der Gastgeber sein auf unserem LINKEN-Neujahrsempfang. Dafür möchte ich mich bei Ihnen, liebe Frankfurterinnen und Frankfurter, an dieser Stelle herzlich bedanken.

Wie nehme ich also die Stadt war, aus den Augen eines Rückkehrers?

Als ich hier 1989 geboren wurde, stand das Halbeleiterwerk noch. Fast jede Frankfurter Familie hatte direkt oder indirekt mit dem Halbleiterwerk zu tun.

Durch die Schließung des Halbleiterwerks haben Tausende Frankfurterinnen und Frankfurter ihre Arbeit, ihre Sicherheit verloren. Viele wurden entwurzelt, ihre Lebenswege von einem Tag auf den anderen entwertet. Viele entschieden sich für den Gang nach Westen, um dort ihr Glück zu versuchen. Wohnungen, Schulen, Kultureinrichtungen, ganze Nachbarschaften verschwanden. Stück für Stück hat Frankfurt einen Teil seines Stolzes, seiner Identität verloren.

Ein Teil meiner Generation ist aber nicht allein wegen der fehlenden Perspektiven gegangen. Viele sind auch gegangen, weil sie schlichtweg Angst hatten. Angst vor der rechtsradikalen Gewalt, die damals in den 90er und 2000er Jahren alltäglich war auf Frankfurts Straßen.

Als Baseballschlägerjahre hat der gebürtige Frankfurter und heutige ZEIT-Journalist Christian Bangel diese Zeit genannt. Wer seinen Roman „Oder Florida“ liest, kann einen Eindruck davon bekommen. Ja, und auch mir wurden Hitlergrüße entgegengestreckt. Auch ich bin vor Neonazis weggerannt.

Aus diesem Grund, sehr verehrte Gäste, ist es kein Wunder, dass viele Frankfurterinnen und Frankfurter meiner Generation damals jede Chance genutzt haben, wenn sie früher oder später aus der Stadt fliehen konnten.

Wenn wir also um Rückkehrer werben, ist das mit Aufgaben an uns verbunden. Zwei davon möchte ich hier darstellen:

 

Baseballschlägerjahre aufarbeiten

Erstens: Wir müssen diese grauenhaften Baseballschlägerjahre aufarbeiten.

Warum wir das tun müssen, möchte ich mit folgendem Beispiel zeigen: Mir hat eine Frankfurterin, die ebenfalls Rückkehrerin ist, von ihrer besten Freundin erzählt. Diese beste Freundin spielt ebenfalls mit dem Gedanken, nach Frankfurt zurückzukehren.

Diese Freundin hat einen somalischen Freund. Und leider ist es noch immer traurige Realität, dass sich die beiden auf Frankfurts Straßen nicht sicher fühlen, wenn sie dort zusammen unterwegs sind. Man wird komisch angeschaut, kassiert unangenehme Kommentare, manchmal fühlen sie sich bedroht. Deshalb haben sie sich bisher auch noch nicht dazu entschieden, nach Frankfurt zu ziehen und hier zu leben.

Die Wahrheit ist, dass manche, die damals mit ihren Baseballschlägern auf uns jagt gemacht haben, heute sogar in Parlamenten sitzen.

Wir wollen aber, dass unsere gebürtigen Frankfurter zurückkommen. Das ist in unserem eigenen Interesse. Die Nachbarschaften sind wieder belebter und die Frankfurter Familien können generationenübergreifend in einer Stadt leben. Das heißt aber auch, dass manche von ihnen, nicht alle, aber manche, eben auch ihre Lebenspartner oder ihre Ehepartner mitbringen, die nicht in Deutschland geboren sind.

 

Gerechtigkeit in Ost und West

Zweitens: Wir müssen den gesellschaftlichen Zusammenhalt stärken und zwar mit Gerechtigkeit für alle, die hier leben und die hier leben wollen.

In meiner Kindheit und Jugendzeit hat der Sturm der Wende den gesellschaftlichen Zusammenhalt in dieser Stadt erschüttert. Jeder musste erstmal selber schauen, wie er in der neuen Zeit zurecht kam.

Heute, im Jahr 2020, im neuen Jahrzehnt, befinden wir uns gewissermaßen wieder in einer Art Wendezeit. Die Grenzen sind durchlässiger geworden, der Klimawandel beschleunigt sich und wir müssen dringend dagegen steuern, Digitalisierung und Robotik werden unsere Art des Arbeitens und Lebens verändern.

Die gute Nachricht daran ist, dass unsere Stadt Frankfurt als Gewinnerin aus dieser Entwicklung gehen kann, wenn wir heute die Weichen richtig stellen. Das machen wir auf kommunaler Ebene. Aber auch das Land, der Bund und die Europäische Union sind gefragt.

Ich nenne ein Beispiel: Die japanische Firma Yamaichi baut Smartphones und Roboter. Sie arbeitet an Zukunftstechnologien. Wir in Frankfurt sind einer von fünf Standorten in ganz Europa. Und unser Standort wird sogar ausgebaut, weil wir hier nämlich die besten Fachkräfte haben.

Man könnte es auch so sagen: Die Japaner können Digitalisierung. Wir Frankfurterinnen und Frankfurter können Halbleiter. Würde man also eine Weltkarte zeichnen, wo Digitalisierung gemacht wird, und damit meine ich nicht die Daten, die produziert werden, sondern die Halbleiter und Mikrochips, die produziert werden, dann wäre auf dieser Weltkarte Frankfurt ein bedeutender Standort.

Aber: Unsere Fachkräfte haben auch Anspruch auf einen gerechten Anteil an der Produktion durch gerechte Löhne und gerechte Tarifverträge. Wenn wir um Rückkehrer werben, die ja nun auch Fachkräfte sind, muss im Jahr 30 nach der Deutschen Einheit endlich Schluss sein mit der Ungleichheit bei Löhnen und Renten zwischen Ost und West.

Wer in Frankfurt lebt, ist keine Bürgerin und kein Bürger zweiter Klasse. Das kann man einfach niemanden mehr erklären, schon gar nicht denen, die im vereinigten Deutschland geboren wurden.
 

Brücken bauen für unser Frankfurt im Jahr 2030

Sehr verehrte Gäste, wir sind im Jahr 2020 auch in einem neuen Jahrzehnt. Das ist ein guter Anlass, um sich Frankfurt in zehn Jahren vorzustellen, im Jahr 2030. Ich glaube, wir werden stolz sein auf unsere Stadt. Nicht nur, weil es das Jahr eins ist, nachdem Słubice und Frankfurt gemeinsam europäische Kulturhauptstadt geworden sind. Wir werden auch stolz sein auf unsere Stadt, weil sie als Gewinnerin aus einer sozial-ökologischen Wende hervorgegangen ist, wo es Arbeitsplätze in Zukunftsbranchen der Digitalisierung und Elektromobilität gibt und zwar mit gerechten Löhnen ohne Unterschied zwischen Ost und West.

Auf diesem Weg dorthin wollen wir gemeinsam Brücken bauen. Das heißt, dass wir zusammen an einer Stadt arbeiten, in die Rückkehrer gerne nach Hause kommen und in der Nähe ihrer Familien leben. Gemeinsam Brücken bauen heißt, an einer Stadt zu arbeiten, in der jeder seinen Platz hat, egal ob hier geboren, zurückgekehrt oder neu hergezogen.

Lasst uns also nicht spalten lassen, sondern den Zusammenhalt als unsere stärkste Tugend begreifen. Das ist es, was wir unter Brücken bauen verstehen.

Herzlichen Dank.


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