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Foto: Peter Gudlowski
Karl-Marx-Denkmal in Frankfurt (Oder)

Stefan Kunath

Politische Bildung für die AfD: Warum Karl Marx kein Antisemit war

Karl Marx sei Antisemit gewesen. Seine Büste müsse aus dem Frankfurter Stadtbild verschwinden, so die Frankfurter AfD in einer Anfrage zur Frankfurter Stadtverordnetenversammlung am 3. September 2020. Sie bezieht sich auf Aussagen von Karl Marx in seiner Schrift ‚Zur Judenfrage‘. Höchste Zeit für eine Nachhilfestunde in Marx-Exegese.

War Karl Marx Antisemit?

Richtig ist, Karl Marx verwendet in seinem 1844 erschienenen Aufsatz anti-jüdische Stereotype. Richtig ist jedoch auch, dass Marx diese Stereotype aus Bruno Bauers Pamphlet ‚Die Judenfrage‘ (1843) paraphrasiert und gegen Bauer wendet. Marx Aussagen gehören deshalb in einen philosophiegeschichtlichen Kontext. Zugegeben, das ist nicht leicht zu verstehen. Versuchen wir es möglichst einfach zu erklären.

Streit zwischen Bauer und Marx – Nummer Eins: Was ist Emanzipation?

Bruno Bauer verstand die Frage der Emanzipation der Juden im christlichen Preußen als eine religiöse Frage. Die Juden müssten zunächst ihren Auserwähltheitsglauben ablegen, um als gleichwertige Staatsbürger anerkannt zu werden. Marx hingegen verstand die Frage der Emanzipation nicht religiös, sondern gesellschaftlich-praktisch. Die bürgerliche Gesellschaft habe zwar die religiöse Ständegesellschaft abgelöst, aber nicht die Unterdrückung der Juden beendet, sondern lediglich perfektioniert. Als Beispiel führt Marx das Verbot von Sonntagsarbeit in Frankreich an. Dieses war ab der Julirevolution im Jahr 1830 kein christliches Privileg mehr, sondern allgemeines Gesetz. Die bürgerliche Gesellschaft, die das Recht des Sonntags durchsetzt, indem sie das gleiche Recht des Sabbats gegenüber dem Judentum unterdrückt, ist die Schranke der Emanzipation, die Marx kritisiert. „Hätte der jüdische Sabbat nicht dasselbe Recht?“ (Marx/Engels, Die heilige Familie, zit. n. Brunkhorst, S. 115) Auf die politische Emanzipation müsse deshalb die menschliche Emanzipation folgen. Marx meint damit einen abstrakten utopischen Soll-Zustand.

Streit zwischen Bauer und Marx – Nummer Zwei: Was bestimmt gesellschaftliche Konflikte?

Marx ging es in seinem Aufsatz ‚Zur Judenfrage‘ nicht um das Judentum. Im Mittelpunt stand die Anwendung seiner neu entwickelten kritischen Methode der Gesellschaftsanalyse. Das Judentum war hierfür nur Anschauungsbeispiel. Marx kritisierte Bruno Bauer, dass dieser gesellschaftliche Konflikte aufgrund idealistischer-philosophiescher Gegensätze erklären wollte. Für Bauer war der Kern des Judentums seine Religion. Marx hingegen wollte gesellschaftliche Konflikte aufgrund gesellschaftlich-praktischer Gegensätze erklären. Marx wollte alle gesellschaftlichen Entwicklungen auf die menschliche Praxis zurückführen, so auch die Religion: „Der Mensch macht die Religion, die Religion macht nicht den Menschen“ (MEW 1, S. 372) Getreu dieser Methode versucht Marx, die jüdische Religion als Ergebnis der praktischen Tätigkeit der Juden nachzuweisen. Das Judentum sei in erster Linie ein Handelsvolk – auch aufgrund der antijüdischen Berufsverbote. Dabei paraphrasiert er umstandslos die Stereotype von Bruno Bauer, wonach Juden für Geld und Schacher stünden – und reproduziert damit die antijüdischen Stereotype aufs Neue.

Marx hatte kein antisemitisches Weltbild

Marx hat in seiner Antwort auf Bruno Bauer also antijüdische Stereotype reproduziert, aber ein antisemitisches Weltbild vertrat er nicht. Weder beim jungen noch beim alten Marx treten Juden als Urheber, Drahtzieher, Schuldige oder als Verschwörer der von ihm kritisierten ökonomischen Zustände auf. Auch andere Merkmale des Antisemitismus fehlen: Personifizierung, Verschwörungstheorie, die Einteilung der Welt in Gut und Böse, die Konstruktion von gegensätzlichen Gemeinschaften. Dort, wo die kapitalistische Produktionsweise zur Herrschaft gelangt sei, seien auch alle Religionen kapitalistisch. Es sei nicht das Judentum, welche das Profitinteresse der bürgerlichen Gesellschaft hervorbringe. „Durch ihn [den Juden] und ohne ihn“ wurde „Geld zur Weltmacht“ (Marx, Zur Judenfrage, S. 373). Nicht die „religiöse Karikatur“ bringt die „Welt des Eigennutzes“ hervor, die „Welt des Eigennutzes“ bringt die „religiöse Karikatur“ hervor. (Marx, Zur Judenfrage, S. 375) Erst die Befreiung von der Herrschaft des Privateigentums würde den Menschen vollständig emanzipieren. Man kann dem zustimmen oder nicht – antisemitisch ist es aber in keinem Fall.

Damit lässt sich auch Marx‘ oftmals missverstandener Satz richtig verstehen. „Die gesellschaftliche Emanzipation des Juden ist die Emanzipation der Gesellschaft vom Judentum.“ (Marx, Zur Judenfrage, S. 377) Marx will sowohl die Jüdinnen und Juden als auch die gesamte Gesellschaft sowohl von der Herrschaft der Ökonomie als auch von der falschen Vorstellung vom Judentum befreien. Das Judentum oder antijüdische Stereotype spielten in seinen späteren Schriften für seine materialistische Gesellschafsanalyse keine Bedeutung. Darin war nicht mehr die Sphäre des Geldes und des Zinses für die Ausbeutung verantwortlich, sondern die Art der Produktion und die Verteilung der Produktivkräfte.

Marx war für die Emanzipation der Juden und aller religiösen Menschen

In den Schriften, wo Marx tatsächlich über den gesellschaftlichen Status der Juden nachdachte, trat er für ihre bedingungslose Emanzipation ein. Sie galt ihm sogar als Kriterium zur Bewertung des gesellschaftlichen Fortschritts: „Staaten … welche die Juden noch nicht politisch emanzipieren können, sind … als unterentwickelte Staaten nachzuweisen.“ (Marx/Engels, Die heilige Familie, MEW 1, S. 117) Auch entgegnet Marx Bruno Bauer „Die politische Emanzipation des Juden, des Christen, überhaupt des religiösen Menschen, ist die Emanzipation des Staats vom Judentum, vom Christentum, überhaupt von der Religion. In seiner Form, in der seinem Wesen eigentümlichen Weise, als Staat emanzipiert sich der Staat von der Religion, indem er sich von der Staatsreligion emanzipiert, d.h., indem der Staat als Staat keine Religion bekennt, indem der Staat sich vielmehr als Staat bekennt.“ (Marx, Zur Judenfrage, S. 353) Das verdeutlicht: Marx‘ Schrift hat nicht den Judenhass zum Thema, vielmehr die Emanzipation der Juden in einem säkularisierten Staat. Sie müsse als Emanzipation aller Religionen verstanden werden.

AfD als Vorkämpferin gegen Antisemitismus?

Wenn die AfD gegen Marx polemisiert und seine Büste wegen eines angeblichen Antisemitismus verschwinden lassen möchte, dann hat das politische Gründe. Erstens: Je zahlreicher sie ihren politischen Gegnern Antisemitismus unterstellt, desto eher erhofft sie sich, den Antisemitismus in ihren eigenen Reihen verharmlosen zu können. Zweitens will sie mit dem Antisemitismusvorwurf Karl Marx als Theoretiker in Misskredit bringen. Drittens will sie von der Debatte um das koloniale Erbe Deutschlands, Europas und der westlichen Welt ablenken, die mit den Massendemonstrationen gegen den Rassismus in den USA einen neuen Schwung erhielt. Die Hoffnung der AfD ist: Wer über die Demontage von Marx-Büsten diskutiert, der hat keine Zeit, sein eigenes koloniale Erbe aufzuarbeiten. Dieses Spiel sollten wir aber nicht mitspielen.


Zum Weiterlesen und Weiterbilden:

Hauke Brunkhost (2014): War Marx Antisemit? Die falsch gestellte Frage, In: Blätter für deutsche und internationale Politik 8/2014.

Thomas Haury (2002): Antisemitismus von links, Hamburg: Hamburger Edition.


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